Die HVGP beim Festival for New Economic Thinking in Schottland – Interview mit Gesellschafter Dr. Peter W. Heller

Unser Gesellschafter Dr. Peter W. Heller war vor kurzem auf dem Festival for New Economic Thinking und auf der INET Konferenz in Edinburgh. Er hat dort die HVGP vertreten und die Trialog-Reihe „Deutscher Sonderweg“ über Plurale Ökonomik vorgestellt. Wir haben ihn nach seinen Eindrücken von den beiden Veranstaltungen gefragt.

 

Was war das Anliegen der Konferenzen und wer war dort anzutreffen?

Die zwei Konferenzen waren sehr unterschiedlich im Charakter.

Das Festival for New Economic Thinking war aus meiner Sicht einzigartig. Hier kamen insbesondere Studierende und junge Wissenschaftler zu einem Austausch über Pluralität in den Wirtschaftswissenschaften zusammen. Auch die deutschen Universitäten, die in dem Thema unterwegs sind, wie zum Beispiel die Universität von Witten-Herdecke und die Leuphana Universität waren vertreten.

Die anschließende INET-Hauptkonferenz war wiederum eine hochkarätige Konferenz, auf der fünf Nobelpreisträger anwesend waren. Auch alle, die in Deutschland unter den keynesianisch orientierten Ökonomen Rang und Namen haben, waren da. Im Fokus standen unter dem Motto “Reawakening – From the Origins of Economic Ideas to the Challenges of Our Time” verschiedene Themen der internationalen Ökonomie, zum Beispiel die säkulare Stagnation, das Wachstum einer dualen Wirtschaft, die Zukunft der Eurozone. Es ging um einen Austausch unter Ökonomen mit einem klaren wissenschaftlichen Anspruch.

 

Wie haben Sie die internationale Auseinandersetzung über Pluralität in den Wirtschaftswissenschaften und der Wirtschaftspolitik auf der Konferenz wahrgenommen? 

Dominant auf der Konferenz war eher die angelsächsische Debatte in der Ökonomie, erkennbar orientiert an den TED Talks. Die INET-Konferenz war insgesamt relativ US-amerikanisch geprägt im Stil und in den Themen. Die europäische Debatte fand sich inhaltlich nur am Rande wieder. Aber sie hatten eine kritische Masse an Deutschen und Italienern auf den Podien, aus Deutschland z.B. Till van Treeck von der Universität Duisburg-Essen und Gustav Horn vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung. Insgesamt stand die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Themen im Vordergrund. Die Diskussionen sind selten in den Bereich der angewandten Wirtschaftspolitik übergegangen.

Mit Blick auf die Pluralität der Perspektiven war auffällig, dass es eine Strömung gibt, die INET deutlich repräsentiert: den modernen Keynesianismus, den es in Deutschland nur als Minderheitenposition gibt. Mein Eindruck war aber nicht, dass Positionen, die wir noch im Kernbereich der Pluralität ansiedeln würden, dort auf den Veranstaltungen einen größeren Raum bekommen haben. Ich glaube sogar, dass auf der einen oder anderen Konferenz in Kontinentaleuropa offener mit neomarxistischen Positionen umgegangen würde als im angelsächsischen Raum, wo dies nahezu ein Denk-Tabu ist.

Einerseits war es schade, dass eine wirkliche Diskussion zwischen angelsächsischen Ökonomen und kontinentaleuropäischen Ökonomen auf dem ersten Konferenztag kaum zustande kam. Anderseits war es ein sehr spannendes Umfeld, das sicherlich aufgrund der vielen Teilnehmer/innen aus Deutschland auch hier noch weitere Kreise ziehen wird.

 

Was würden Sie sich für die Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften in Deutschland wünschen?

Viele deutsche Hochschullehrer, die ich dort getroffen habe, waren sehr angetan von der Idee des Festivals. So ein Festival würde man sich auch in Deutschland wünschen. Dass all die Gruppen, die nach Schottland gereist sind, auch in Deutschland eine entsprechende Plattform finden würden und sich Studierende einfach mal über die verschiedenen Ausrichtungen und Perspektiven der Ökonomik an den Universitäten erkundigen und sich orientieren können. Diese Idee des Marktplatzes fand ich sehr anregend. Das gibt es so in Deutschland nach meiner Kenntnis nicht. Aber die erstaunlich gute Präsenz deutscher Teilnehmer/innen zeigt ja, dass auch hier im Bereich Plurale Ökonomik einiges entsteht, z.B. durch das Netzwerk Plurale Ökonomik, Exploring Economics oder die genannten Hochschulen –  es gibt hier schon eine kritische Masse an Akteuren, aber sie finden keine institutionelle Basis, wie sie so ein Festival bietet, um sich vorzustellen.