Neue Urbane Agenda Berlin: Über das Projekt

Für die Zukunft Berlins ist es wichtig, die Verkehrsinfrastruktur an zukünftige Bedarfe anzupassen, Lösungen zur Integration von Zugewanderten umzusetzen, den zunehmenden Tourismus nachhaltig zu gestalten, sowie den Bewohnerinnen und Bewohnern bedarfsgerechten Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Das transdisziplinäre Projekt „Neue Urbane Agenda Berlin“ möchte zum Verständnis aktueller und zukünftiger Herausforderungen der wachsenden Stadt beitragen und strebt die verständigungsorientierte Auseinandersetzung unterschiedlicher gesellschaftlicher Interessengruppen an. Mittels Trialogen sollen unter Beteiligung aller Stakeholder – aus Politik und Verwaltung, organisierter Zivilgesellschaft, lokaler Wirtschaft und Wissenschaft – konkrete transdisziplinäre Handlungsstrategien entwickelt und neue Impulse für die Berliner Stadtgesellschaft gesetzt werden.

Innerhalb der zwei Jahre Projektlaufzeit (2018 bis 2020) wird die TU Berlin, in Zusammenarbeit mit der HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform acht Trialoge zu den stadtpolitischen Herausforderungen Mobilität, Zuwanderung, Wohnen und Tourismus veranstalten. Dabei wird der gesamte transdisziplinäre Prozess – von der Definition eines Handlungsfeldes oder einer Forschungsfrage, über die Entwicklung eines konkreten Projektdesigns bis hin zu der Umsetzung des Projektes – durch das Projektteam der TU, angesiedelt im Präsidialbereich der Vizepräsidentin Prof. Dr.-Ing Christine Ahrend für Forschung, Berufungsstrategie und Transfer, aktiv begleitet. Ziel des Projekts ist den aktuellen Forschungsbedarf aufzudecken, neue Erkenntnisse und neues Wissen durch Verständigung zu generieren, um Handlungsoptionen abzuleiten und diese in Modellvorhaben weiterzuentwickeln und zu erproben.

Die vier urbanen Handlungsfelder Mobilität, Zuwanderung, Wohnen und Tourismus sind für die Stadt Berlin von hoher Relevanz, wie auch im Koalitionsvertrag der Landesregierung deutlich wird. Mit dem Projektkonzept der transdisziplinären Trialoge bietet sich dem Land Berlin die Chance, diese akuten und mittelfristigen stadtpolitischen Themen vertrauensvoll und partizipativ zu diskutieren und im Austausch zukunftsfähige Lösungsansätze zu entwickeln. Zugleich sollen die städtischen Bewohnerinnen und Bewohner, neben Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft, als verantwortliche Entwicklungsakteure gesehen, befähigt und bestärkt werden.

[+] Beteiligung der Stadtgesellschaft an urbanen Entwicklungsstrategien

Die UN-Konferenz Habitat III hat im Oktober 2016 eine neue urbane Agenda (New Urban Agenda) verabschiedet: Städte sind die Orte, in denen über die Qualität zukünftigen Zusammenlebens entschieden wird. Dabei steht die Entwicklung von Städten in Wechselwirkung mit der lokalen Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, insbesondere in den Handlungsfeldern Klima und (Un)Gleichheit.

Lokale Regierungen, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Organisationen sind Stakeholder der urbanen Entwicklung. Ihre Beteiligung und die Herstellung von Perspektivenvielfalt ist ein wichtiges Ziel in den ausstehenden Auseinandersetzungen für eine nachhaltige Urbanisierungsstrategie. Die Anerkennung des Wertes und der Bedeutung der Zivilgesellschaft schlägt sich in der New Urban Agenda nieder; eine enge Zusammenarbeit zwischen den örtlichen Verwaltungen und der Zivilgesellschaft wird als wesentliche Voraussetzung für den Erfolg ihrer Umsetzung betrachtet.

Berlin wächst unerwartet dynamisch. Die Infrastruktur der Stadt ist darauf noch nicht vorbereitet. An den zahlreicher werdenden Flächen- und Nutzungskonflikten wird deutlich, dass die Gestaltung der Stadt eine produktive und verständigungsorientierte Auseinandersetzung unterschiedlicher gesellschaftlicher Interessengruppen braucht, um nachhaltige Lösungen zu entwickeln. Dabei können die städtischen Bewohnerinnen und Bewohner als verantwortliche Entwicklungsakteure gesehen werden und sollten in dieser Rolle befähigt und bestärkt werden. Zugleich wird deutlich, dass die bisherige Anwendung bestehender Partizipationsinstrumente zu Konfrontationen und weiteren Konflikten führen können, wenn diese betroffene Akteure zu spät partizipieren. Es braucht daher transparente Verfahren, die auf frühzeitige Kooperation setzen und echte Win-Win Situationen begünstigen.

Zur Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) der UN-Agenda 2030, wie sie bei der Konferenz Habitat III festgelegt wurden, müssen Städte vor allem die Beteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner in der Stadtentwicklung stärken. Eingesetzte Instrumente und Beteiligungsverfahren sollten verständigungsorientiert ausgelegt sein, damit sie nachhaltig wirken. Partikularinteressen und Machtakkumulationen können Verständigung verhindern, sowie festgefahrene Positionen, Misstrauen und Differenzen zementieren.

Für eine nachhaltige Beteiligung gesellschaftlicher Akteure, den Aufbau von Vertrauen in die Verfahren und in die Qualität der daraus hervorgehenden Ergebnisse werden neue effektive und fundierte Lösungen gebraucht. Die Zusammenarbeit von Bürgerinnen und Bürgern, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft von der Problemerkennung über die Strategieentwicklung bis hin zur konkreten Lösung ist zunehmend dringlich, um große stadtpolitische Herausforderungen zu meistern. Hier können deliberative Verfahren in Verbindung mit wissenschaftlicher Expertise eine vertrauensstiftende Alternative zu anderen Formaten bieten. Daraus ergeben sich Win-Win Konstellationen:

  • Verständigung der Stakeholder auf lokaler Ebene: Durch ein genaues Stakeholdermapping werden diejenigen Stakeholder angesprochen, deren Perspektive für die Stadtentwicklung relevant ist. So bietet sich die Chance, alle Stakeholdergruppen in den Austausch unterschiedlicher Perspektiven und Wissensbestände einzubeziehen. Dies ist für eine echte Verständigung der Berliner Stadtgesellschaft notwendig.
  • Partizipation der Stadtgesellschaft: Es werden neue Formen der Partizipation benötigt, die konstruktiv und lösungsorientiert arbeiten. In der Auswertung der vorgebrachten Positionen und Begründungen werden Gemeinsamkeiten identifiziert und Grundkonsenskorridore für die Entwicklung Berlins in den jeweiligen Themenbereichen formuliert.
  • Gemeinwohlorientierte Entwicklung der Stadt: Trialoge sind gemeinwohlorientiert und folgen nicht dem Recht des Stärkeren oder der Logik von „Deals“. Alle vorgebrachten Perspektiven und Positionen der Stadtgesellschaft fließen in die Auswertung ein. Trialoge stärken gesellschaftliche Resonanzbeziehungen und gründen auf der Idee von Nachhaltigkeit durch Teilhabe.
[+] Austausch von Stadtgesellschaft und Wissenschaft

Die großen Transformationen durch Urbanisierung und Klimawandel führen zu neuen Anforderungen an Wissenschaft und Universitäten. Neben der Erforschung des Ist-Zustandes, der Problemlagen sowie der Entwicklung von tragfähigen Zukunftsszenarien, gilt es, Konzepte, Initiativen, Instrumentarien und Maßnahmen zu entwickeln, die eine notwendige Transformation gestalten helfen. Bei Herausforderungen wie Umweltproblemen, Krisenmigration oder demografischen Veränderungen sind soziales und wirtschaftliches Handeln, der regulatorische Rahmen und ökologische Effekte so eng miteinander verknüpft, dass disziplinäre und selbst interdisziplinäre Forschung im Hinblick auf nachhaltige Lösungsansätze an ihre Grenzen stoßen. Entsprechend müssen Erkenntnisse auf neuen Wegen generiert werden – die stärkere Verknüpfung zwischen wissenschaftlich-analytischer Arbeit und dem Erfahrungswissen gesellschaftlicher Akteure bietet hier eine große Chance für die Wissenschaft, gesellschaftlich relevante Forschungsergebnisse zu erzielen.

Zugleich bietet die transdisziplinäre Kooperation den Beteiligten aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft den Mehrwert, dass ihre Expertise in wissenschaftliche Forschung einfließt und dass Diskussionen in konkrete, wissenschaftlich gestützte und handlungsorientierte Projekte überführt werden können. Transdisziplinär gewonnene Lösungsansätze bieten auf dieser Grundlage eine gute Implementierungschance, weil unterschiedliche Positionen und Interessen der beteiligten Gruppen bereits im Forschungsprozess nachvollziehbar und transparent abgewogen wurden. Hieraus ergeben sich folgende Vorteile:

  • Austausch von Wissenschaft und Stadtgesellschaft: Transdisziplinäre Trialoge werden von der TU Berlin und der HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform gemeinsam veranstaltet, um für die vieldiskutierten Forderungen nach gesellschaftlicher Anschlussfähigkeit von Forschung durch transdisziplinäres Arbeiten eine geeignete Methode zu schaffen. Durch transdisziplinäre Trialoge werden gesellschaftliche Akteure schon in der Definition der Forschungsfrage auf Augenhöhe einbezogen.
  • Stärkung des Wissenschaftsstandorts: Die TU Berlin hat eine lange Tradition anwendungsorientierter Forschung und praktiziert die Verbindung von technischem und geisteswissenschaftlichem Wissen seit ihrer Neugründung 1946.  Damals wurde der Auftrag zur Wahrung gesellschaftlicher Verantwortung für die Universität hervorgehoben. Insbesondere in den technischen Berufen sollen Menschen befähigt werden, das Wohl der Gesellschaft im Blick zu behalten –  ungeachtet des rein wissenschaftlich-technisch Möglichen. Die Ausrichtung auf gesellschaftliche Herausforderungen und die Übernahme von Verantwortung gehört seitdem zum Selbstverständnis der TU Berlin. Die Technische Universität Berlin bietet die nötigen Voraussetzungen, um transdisziplinär zu forschen. Seit 2014 verfolgt die TU Berlin eine mehrgleisige Strategie zum Ausbau des transdisziplinären Prinzips in der Wissenschaft und dem Selbstverständnis der gesamten Universität.
[+] Transdisziplinarität als Chance für die Wissenschaft

Transdisziplinarität wird als Forschungsprinzip in Deutschland immer wichtiger. Unter Transdisziplinarität (verstanden als über die Disziplinen hinausgehende Forschung) wird die Öffnung der Forschung für Kooperationen mit nichtwissenschaftlichen Akteuren verstanden. Idealerweise findet das Wissen der unterschiedlichen Akteure bereits in die Beschreibung von Herausforderungen und in die Definition von Forschungsfragen Eingang. Durch Transdisziplinarität kann die Wissenschaft ihre Problemlösungskompetenz für gesellschaftliche Herausforderungen verbessern. Transdisziplinäre Forschung ist dabei in der Regel auf die Lebenswelt bezogen.

Disziplinäre Forschung tendiert dazu, Wissen immer weiter zu konkretisieren. Je mehr man weiß, desto fundierter kann man sich weitere Details erschließen. Andererseits gibt es neue Disziplinen, die aus der interdisziplinären Zusammenarbeit anderer Fachrichtungen hervorgegangen sind wie beispielsweise die Robotik, die aus Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik entstand und sich durch kombiniertes Wissen auszeichnet. Anwendungsorientierte Forschung für die Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen erfordert von Wissenschaftler*innen neben ihrem disziplinären und interdisziplinären Verständnis, methodisch in der Lage zu sein, andere Wissensformen zu verstehen, also Wissen über traditionelle wissenschaftliche Erkenntnisgrenzen hinaus zu erweitern. Transdisziplinarität kann insofern die Kreativität und Innovationskraft von Wissenschaft fördern.

Transdisziplinäre Forschung kann für die Wissenschaft neue Impulse setzen, sie kann Wissen verbreitern und Qualität, Kreativität und Innovation durch die Erschließung neuer Zusammenhänge und die Integration von außerwissenschaftlichem Wissen und bisherigen Forschungsergebnissen steigern. Etablierte Fachgebiete und ihre innerwissenschaftlichen, interdisziplinären Kooperationen können durch die Auseinandersetzung mit den methodischen Besonderheiten und außeruniversitären Wissensbeständen und -formen profitieren. Folgende Aspekte stehen dabei im Mittelpunkt des Interesses:

  • Wertvolle Lösungen durch Integration: Integration statt Addition von Forschungsergebnissen führen zu wertigeren Lösungen. Die generative Vermehrung und Entwicklung von Wissen und Methoden können die Evolutions- und Innovationsfähigkeit der Disziplinen steigern.
  • Relevante Forschungsfragen erschließen: Der Austausch mit außeruniversitären Wissensträger*innen kann zur Erschließung neuer, auch disziplinärer Forschungsfragen und Zusammenhänge beitragen.
  • Identität der Disziplinen reflektieren: Eine aktive, projektbezogene Integration der Wissenschaftsbereiche auf kognitiver, sozialer, kommunikativer, organisatorischer und technischer Ebene kann zur Stärkung der Identität der eigenen Disziplin beitragen – und ihrer Konkurrenzfähigkeit gegenüber der Fachkonkurrenz. Transdisziplinäres Arbeiten bietet die Chance zur Selbstreflexion der Disziplinen.
  • Überfachliche Qualifizierung: Die Entwicklung eines kontextspezifischen Denkstils stellt eine überfachliche Qualifikation dar, um auf neue Herausforderungen innovativ reagieren zu können. Die Qualifizierung von besonders gesellschaftsrelevanter Wissenschaftler*innen stellt ein Alleinstellungsmerkmal dar.
  • Legitimation der Universitäten: Die Auseinandersetzung mit politischen, gesellschaftlichen und praktischen Realitäten der Universitäten ist im Sinne ihres gesellschaftlichen Auftrags und führt damit zur Legitimation der Universitäten. Wachsende Aufmerksamkeit auf die Arbeit der Universitäten bei anderen gesellschaftlichen Gruppen der Stadtgesellschaft können zu deren Reputation beitragen.