ZEIT-ONLINE: "Matching für Flüchtlinge"

Das Berlin Governance Platform Projekt Re:Match wurde in einem neuen ZEIT ONLINE Artikel präsentiert. Dies ist eine Kopie des Artikels namens “Matching für Flüchtlinge”, erstmalig erschienen am 08.12.2022, der Text wurde von Anja Holtschneider geschrieben und alle Rechte gehören zeit.de

ZEIT-ONLINE, 08.12.22

Wie können Geflüchtete in Deutschland besser verteilt werden? Algorithmen helfen bald: Die Menschen sagen, was sie brauchen und die Kommunen, was sie bieten.

 

Beschaulich wohnen auf dem Land oder doch lieber mitten in der Stadt? Gibt es eine Schule für die Kinder? Gibt es Arbeit und Ausbildungsmöglichkeiten? Das sind Fragen, die künftig ein Algorithmus für Geflüchtete abfragt, um einen passenden Wohnort für sie zu finden. Hannes Schammann, Professor für Migrationspolitik an der Universität Hildesheim, entwickelt mit einem Forscherteam der Universität in Erlangen-Nürnberg Match’In, ein digitales Matching für Kommunen und Geflüchtete. Bald wird es in der Praxis erprobt.

Der Bedarf ist da: 2021 kamen 190.000 Asylsuchende nach Deutschland, bis Ende Oktober beantragten dieses Jahr schon mehr als 180.000 Menschen Asyl. Dazu kommen mehr als eine Million Geflüchtete aus der Ukraine. Für jeden dieser Menschen muss ein Wohnort gefunden werden. Sie müssen nicht nur einen Arbeitsplatz finden, sondern sich auch ein soziales Netz aufbauen. Algorithmen könnten künftig bei der Verteilung der Geflüchteten in Deutschland helfen. Und dabei auch die Integration fördern, wenn auf die Bedürfnisse der Geflüchteten mehr eingegangen wird.

Die Verteilung von Geflüchteten auf die Bundesländer erfolgt in Deutschland bislang nach dem Königsteiner Schlüssel: Basierend auf dem Steueraufkommen und der Einwohnerzahl muss jedes Bundesland eine Aufnahmequote erfüllen. Nordrhein-Westfalen nimmt 21 Prozent aller Geflüchteten auf, Sachsen knapp fünf Prozent. Jedes Bundesland hat für die weitere Verteilung in die Kommunen eigene Regelungen, oft nach Einwohnern oder Wirtschaftsleistung der Kommunen gestaffelt. Bei dieser Verteilung in den Bundesländern setzt Match’In an.

Die neue Lösung klingt simpel: Flüchtlinge geben in einer App an, was sie sich vom neuen Wohnort wünschen würden, die Kommunen teilen mit, was sie bieten könnten. Ein Algorithmus gleicht beides ab und schlägt datenbasiert den besten Wohnort für die Geflüchteten vor. Damit das auch in der Praxis klappt, forscht seit anderthalb Jahren das Team um Schammann daran. Sie haben bereits einen umfangreichen Fragenkatalog festgelegt, der unter anderem Themen wie Beruf, Familie und Freizeitgestaltung umfasst und Daten über die Kommunen wie das Schulangebot und die medizinische Versorgung sammelt.

Bundesländer machen bei Algorithmusprojekt mit

Match’In hat gute Chancen, sich in Deutschland durchzusetzen, denn es hat die entscheidenden Partner: die Bundesländer. Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Rheinland-Pfalz nehmen mit jeweils fünf bis sechs Kommunen am Pilotprojekt teil. Dabei soll getestet werden, ob der Algorithmus den Kommunen und Ländern die Verteilung erleichtern kann. “Im besten Falle soll unser Algorithmus die Verteilung flächendeckend verändern”, sagt Schammann.  Deshalb wird der Algorithmus während der Pilotphase ständig weiterentwickelt. Im kommenden Frühjahr starten die ersten Verteilungen in den Bundesländern.

Elias Bender hält das Projekt für ambitioniert, aber vielversprechend. Er ist Referatsleiter im rheinland-pfälzischen Integrationsministerium und unter anderem für die Verteilung der Geflüchteten zuständig. Im Transferzentrum schauen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, welche Kommune gerade einen Aufnahmestopp hat, welche Flüchtlinge eine medizinische Versorgung brauchen und ob Angehörige bereits in Rheinland-Pfalz leben. Sie verteilen momentan durchschnittlich 600 Geflüchtete monatlich. 

Der Match’In-Algorithmus räumt nicht nur den Geflüchteten mehr Mitsprache ein, sondern gibt auch den Mitarbeiterinnen mehr Informationen über die Menschen, die sie unterbringen müssen. Bender will mit dem Projekt herausfinden, ob der jahrzehntealte Prozess der Verteilung verbessert werden kann.

Allerdings steht schon jetzt fest, dass der Algorithmus die Geflüchteten nicht allein in den Ländern verteilt. “Für die Entscheidungen sind weiterhin die Mitarbeiter zuständig”, sagt Bender. Der Algorithmus sei lediglich eine Entscheidungshilfe.

Doch so einfach, wie es in der Theorie klingt, funktioniert die Umsetzung nicht. Algorithmen können diskriminieren – je nachdem, wie sie programmiert sind. Damit das Risiko möglichst gering ist, dass einzelne Geflüchtete aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit oder fehlenden Qualifikationen Nachteile beim Matchen haben, hat das Forschungsteam um Schammann einen großen Fragenkatalog erarbeitet. Rund 50 Fragen decken alles rund um Familienstand, Beruf, Freizeitgestaltung und Gesundheit der Geflüchteten ab. Darunter sind unter anderem Fragen, ob barrierefreier Wohnraum erforderlich ist oder ob eine medizinische Versorgung nur durch Ärztinnen erwünscht ist.

 

Digitale Lösungen für Migrationspolitik

Anderthalb bis zwei Stunden dauert das Beantworten aller Fragen. Schammann weiß, dass das lange dauert. Doch die ausführliche Befragung sei nötig, um integrationsrelevante Kriterien berücksichtigen zu können. Aus diesem Grund sind auch die Profile der Kommunen umfangreich. Rosinenpickerei nach den besten Fachkräften wird so vermieden.

Die Priorisierung von Antworten erschwert das zusätzlich, denn die Antworten des Fragenkatalogs werden dadurch weniger vorhersehbar. Jeder Geflüchtete kann selbst bestimmen, welche Aspekte ihm oder ihr besonders wichtig sind. Das könnte beispielsweise eine LGBTQIA+-Community sein oder ein ländlicher Wohnort. Die Flüchtlinge bekommen damit auch ein Mitspracherecht.

Geflüchtete können in den teilnehmenden Bundesländern ab kommendem Jahr freiwillig an Match’In teilnehmen. Zu Beginn werden die Fragen zusammen mit einem Mitarbeiter in der Erstaufnahmestelle ausgefüllt und in einer Software eingetragen. “Uns geht es erst einmal um den Inhalt und nicht um eine schöne Benutzungsoberfläche”, sagt Schammann. Das Ziel sei es aber, dass die Flüchtlinge künftig alle Fragen allein in einer App beantworten könnten, sagt der Migrationsforscher. So trauen sie sich vielleicht auch eher, Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten. Das ist wichtig, damit beispielsweise Frauen oder LGBTQIA-Personen den nötigen Schutz bekommen.

 

Das Berlin Governance Platform Projekt Re:Match wurde in diesem ZEIT ONLINE Artikel präsentiert. Dies ist eine Kopie des Artikels namens “Matching für Flüchtlinge”, erstmalig erschienen am 08.12.2022, der Text wurde von Anja Holtschneider geschrieben und alle Rechte gehören zeit.de

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